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02.09.2011 Volle Kassen - leere Bäuche. Im Klartext nimmt der DGB die ausufernden Nahrungsmittelspekulationen aufs Korn.

Nahrungsmittelspekulation - Volle Kassen und leere Bäuche

Das Geschäft mit Nahrungsmitteln boomt - für die Bauern? Die Verkäuferin im Supermarkt? Nein, an den internationalen Agrarrohstoffmärkten wird derzeit soviel gehandelt wie nie zuvor. Die Preise für Weizen, Sojabohnen oder Reis kennen seit mehr als zwei Jahren nur eine Richtung: nach oben. Das ruft weitere Spekulanten auf den Plan, die lukrative Geschäfte wittern. Selbstbewusst werden in der Branche zweistellige Renditeziele verkündet. Gleichzeitig hungern weltweit mehr als eine Milliarde Menschen. Sie können sich ihre Lebensmittel aufgrund der Preisspekulation nicht mehr leisten. Die Ärmsten der Armen zahlen für den Renditehunger der Spekulanten - Hunderttausende sogar mit ihrem Leben.

Schon vor der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise nahmen Finanzinvestoren auf der Suche nach immer renditeträchtigeren Anlagenzielen Agrarrohstoffe ins Visier. Dann brachen die Finanzmärkte ein - auch die für Nahrungsmittel. Um den Totalabsturz der Weltwirtschaft zu verhindern, wurden die Kapitalmärkte mit billigem Geld geflutet. Banken wurden gerettet, fast ohne Gegenleistung! Das billige Geld wurde nicht selten für einträgliche Wetten auf steigende Weizen-, Reis- und Maispreise statt für reale Investitionen verwendet. Schließlich erwarteten die Wohlhabenden dieser Welt auch in der Krise zweistellige Renditen von ihren Anlageberatern. Allein Goldman Sachs machte 2009 mit Rohstoffderivaten 5 Milliarden US-Dollar Gewinn - überwiegend mit Agrarrohstoffen. Ebenfalls stark im Geschäft vertreten: Merrill Lynch und Deutsche Bank.

Inzwischen liegen die weltweiten Lebensmittelpreise so hoch wie nie zuvor. Innerhalb des letzten Jahres kletterten die Grundnahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt um 43 %, der Preis von Getreide gar um 73 %. Rohstoffexperten verweisen gern auf den Klimawandel sowie Missernten und das folglich geringere Angebot an Nahrungsmitteln als Gründe für steigende Preise. Doch weit gefehlt. Tatsächlich stieg das Angebot z. B. für Getreide und Reis in den letzten Jahren. Seit zwei Jahren ist es nahezu konstant (siehe Abbildung).

Auch die wachsende Weltbevölkerung sowie das veränderte Konsumverhalten insbesondere in den Schwellenländern und die deshalb steigende Nachfrage werden als Ursachen herangezogen. In Wahrheit steigt die weltweite Agrarproduktion schneller als die Weltbevölkerung und ihr Verbrauch. Die zynische "Marktlösung" dieses Problems: Ernteüberschüsse werden vernichtet, damit Weltmarktpreise renditeträchtig bleiben.

Fazit: Die Preisentwicklung an den Agrarbörsen steht in keinem Verhältnis zu Ernteausfällen oder einem plötzlichen Nachfrageanstieg. Die explosionsartigen Preissteigerungen bei vielen Agrarprodukten und abrupte Preisschwankungen sind nicht ohne Spekulation erklärbar.

Die Spekulationen mit Nahrungsmitteln sind volkswirtschaftlich und moralisch verwerflich. Hungerkatastrophen sind in den Augen der Spekulanten Kollateralschäden, die billigend in Kauf genommen werden. Derzeit hungern Millionen Menschen in Ostafrika. Deshalb: Finanzgeschäfte mit Nahrungsmitteln verbieten!

Foto: Reuters/Omar Faruk

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Klartext Nr. 30/2011

Klartext Nr. 30/2011

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Letzte Änderung: 20.11.2011